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des Liberal-Islamischen Bundes e.V.


Aktuelle Meldung

Pressemitteilung 04.12.2015

Neues Projekt des LIB e.V.: „Extreme out – Empowerment statt Antisemitismus“

Antisemitismus im muslimischen Umfeld - bei Erwachsenen wie bei Jugendlichen, individuell wie institutionalisiert - ist kein neues Phänomen. Allerdings rückt er erst in letzter Zeit vermehrt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dabei entspringt der reimportierte, „muslimische“ Antisemitismus – stärker noch als im deutschen Umfeld – einer unreflektierten Vermischung von Israelkritik und Solidarisierung mit den muslimischen Palästinensern. Eine nicht unerhebliche Rolle bei der Generierung und Stärkung des Antisemitismus können Diskurse in der eigenen Community (z.B. im Elternhaus, Freundeskreis, islamischen Institutionen) und beispielsweise das von türkischen oder arabischen Medien entworfene Bild vom Palästinakonflikt spielen. Um muslimische Jugendliche gezielt stärken zu können sowie ihre Potentiale mit ihnen gemeinsam zu entdecken und zu gestalten, greift das dreijährige Projekt auf den Lebensalltag der Jugendlichen zurück. In unserem innovativen Ansatz werden wir den allgegenwärtigen Antisemitismus thematisieren und mit den Jugendlichen bearbeiten. Dabei wird deutlich werden, dass Antisemitismus nicht nur kein originärer Teil des Islams ist, sondern dass die Frustration, die Erlebnisse eigener Defizite, die Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, Ursachen für jedwede Form von Extremismus sind. Stark ist nicht der Antisemit, sondern stark ist derjenige, der Extremismus überwindet und zu seinen eigenen Stärken und Schwächen steht, Teil der Gesellschaft wird und mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit formt. Raus aus dem Extrem, hin zu seinen eigenen Potentialen – das wird schon in unserem Projekttitel deutlich!

Zielgruppe sind muslimische Jugendliche zwischen 12 und 27 Jahren. Primäres Ziel des Projektes ist, Jugendliche mit muslimischem Hintergrund zu stärken und dabei zu unterstützen, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden.
Das Projekt „Extreme out – Empowerment statt Antisemitismus“ startet im Dezember 2015 in Dinslaken und wird über einen Zeitraum von 3 Jahren durchgeführt. Das Team, das bereits das preisgekrönte Projekt „Muslim 3.0“, sowie das Anti-Salafismus-Projekt „Extrem out – Gemeinsam gegen Salafismus“, durchgeführt hat, ist auch hier Initiator: Lamya Kaddor wird für den Liberal-Islamischen Bund e.V. die Projektleitung übernehmen.

Kooperationspartner sind das IBIS Institut sowie der Deutsche Kinderschutzbund Dinslaken.


Ansprechpartner: Annika Mehmeti (info@lib-ev.de)


Die Pressemitteilung als PDF-Dokument erhalten Sie hier.




Freitagsgedanken:
Mündigkeit statt Autoritätengläubigkeit!

09. Oktober 2015

Eine gängige Problemanalyse mancher Muslime angesichts des Problems des salafistischen Extremismus ist, dass heute jeder den Koran selbst auslege, anstatt dass die Autorität von „Gelehrten“ Geltung habe. Als Lösung wird gefordert, dass die „Autorität“ von Gelehrten wiederhergestellt werden müsse.

Was ist mit dieser Forderung bei genauerer Betrachtung gemeint? Und setzt sie an der richtigen Stelle an?

Das Problem ist nicht ein Mangel an „politischer“ Gelehrtenautorität, falls dies mit der o.g. Forderung gemeint ist. In vielen muslimischen Ländern sitzen „Gelehrte“ direkt an der Macht, sind an der Gesetzgebung beteiligt (etwa durch die „Prüfung von Scharia-Konformität“ von Gesetzen) und es existieren staatliche Religionsministerien, die offizielle Fatwas erteilen. Mit Extremismus haben diese Länder trotzdem zu kämpfen. (Dass solche Staatssysteme auch aus sonstigen Gründen abzulehnen sind, braucht nicht ausgeführt zu werden.)

Das eigentliche Problem – in unserer freien Gesellschaft (die sich zu Recht für ein säkulares Staatswesen entschieden hat) – ist auch nicht ein Mangel an „gesellschaftlicher“ Gelehrtenautorität in dem Sinne, dass jeder den Koran selbst interpretieren kann, anstatt dass die Interpretationen von Gelehrten befolgt werden. Darauf ist der Koran ja gerade angelegt, weil er jeden Menschen individuell anspricht, ihn zum Nachdenken über seine Worte anregt und ohne Mittelspersonen direkt mit Gott in Verbindung bringen will. Darin liegt – zumindest potentiell – eine Quelle der Befreiung des Individuums.

Das Problem ist vielmehr, dass einigen – vor allem jungen – muslimischen Individuen die geistige Mündigkeit fehlt, mit dem Koran umzugehen. Erziehung zur geistigen Mündigkeit ist die eigentliche Lösung des Problems. Mündigkeit ist die Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Gelehrtenautorität, die, wie wir sehen werden, in Wirklichkeit Autoritätsgläubigkeit gegenüber „Gelehrten“ meint, ist das genaue Gegenteil von Mündigkeit.

Dem Individuum das Recht, den Koran selbst zu interpretieren, abzusprechen, und stattdessen mehr Gelehrtenautorität zu fordern, löst nicht das Problem, sondern verlagert es lediglich auf eine andere Ebene, weil jetzt das Individuum zwar nicht den Koran selbst interpretiert, dafür dann eben seinen (Lieblings-)Gelehrten auswählt und sich eben von diesem den Koran interpretieren lässt. Viele der Attentäter folgen ja auch irgendeiner Autorität/charismatischen Figur, deren Interpretationen sie unreflektiert für verbindlich erachten. Das Problem ist letztlich auch hier vielmehr, dass ihnen die geistige Mündigkeit, die Fähigkeit fehlt, sich geistig kritisch mit ihren Autoritäten dahingehend auseinanderzusetzen, ob die Positionen, die diese Autoritäten vertreten, vernünftig sind und der grundlegenden Botschaft des Korans entsprechen oder nicht.

Wer argumentiert, dass man Gelehrten nur Autorität zukommen lassen müsse, um Individuen vor Extremisten zu schützen, verwechselt im Übrigen Ursache und Wirkung bzw. geht von einer falschen Prämisse aus: Autorität verleiht Argumenten nicht Überzeugungskraft, sondern es ist vielmehr die Überzeugungskraft von Argumenten, die Gelehrten in einer freien Gesellschaft Autorität verleiht, ihnen Gehör bei Menschen verschafft. Autorität ist also etwas, das Gelehrte aufgrund ihrer Überzeugungskraft und des freiwilligen Entschlusses von Individuen ganz natürlich als ein Resultat erlangen, und nicht etwas, das in einer freien Gesellschaft als eine Prämisse, als eine am Anfang stehende „Ur-Sache“ gedacht und gefordert werden kann. In einer freien Gesellschaft Gelehrtenautorität zu fordern, meint mithin, unmündige Gelehrtengläubigkeit zu fordern. Denn Gelehrtenautorität kann eben nicht gefordert werden, sondern entsteht von selbst. Autoritätsgläubigkeit ist aber gerade nicht das, was unser Problem mit dem Extremismus löst. Denn es gilt zu bedenken, dass es einen fundamentalen Unterschied macht, ob jemand einem Gelehrten folgt, weil er als mündiges, kritisch reflektierendes Wesen von dessen Argumenten überzeugt ist (und diese ggf. auch hinterfragen kann), oder weil er lediglich unreflektiert auf die Richtigkeit von dessen Aussagen vertraut, da er diesem kraft dessen Stellung als „Gelehrter“ Autorität beimisst. Letzteres, also unmündige Autoritätsgläubigkeit, macht ein Individuum gerade anfällig für extremistische Menschenfänger, die sich nur ausreichend gewitzt als Kenner des „wahren Islams“ ausgeben müssen!

Auf welche Ebene man das Problem also auch verlagert, wie man es auch dreht und wendet: Am Ende ist die Lösung immer nur geistige Mündigkeit, um das Individuum zu schützen.

Das heißt nicht, dass Theologen keine Rolle spielen sollen. Ganz im Gegenteil: Aufgrund ihrer Kompetenzen haben sie die Aufgabe, aufklärend tätig zu sein. Aufklärung heißt aber, dass sie dabei helfen sollen, den Individuen zur Mündigkeit zu verhelfen, damit diese am Ende des Prozesses des Mündigwerdens ohne ihre Anleitung selbstständig Entscheidungen hinsichtlich ihrer Spiritualität treffen können. Aufklärung heißt aber eben nicht, dass der Sinn von Gelehrten es ist, sich um ihre Autorität zu kümmern. Denn es gibt keine Gewähr dafür, dass das, was Autoritäten von sich geben, Sinn macht – obgleich sie sich mit „Sheikh“ oder Ähnlichem betiteln mögen. Theologen sollen in wissenschaftlicher Freiheit in einen Diskurs treten, um durch die theologische Auseinandersetzung ein fundiertes theologisches Angebot für geistig mündige Personen zu erarbeiten, mit dem sich mündige Individuen in kritischer Reflektion auseinandersetzen und dann entscheiden können, ob und wie sie dieses theologische Angebot für ihr Leben fruchtbar machen können und wollen.

Um geistig mündig zu werden, reicht eine theologische Erziehung alleine auch nicht aus. Das geht vielmehr Hand in Hand mit einer soliden schulischen Ausbildung, die in den dazu gedachten Disziplinen, wie z.B. Philosophie oder durch Beschäftigung mit Literatur, die Erkenntnisfähigkeit, die Fähigkeit zu kritischem Denken und das Urteilsvermögen der Individuen trainiert, damit diese geistige Mündigkeit erlangen.

Wird man dadurch Extremismus komplett eliminieren? Wohl nicht. Denn auch mündige Bürger können zu Mördern und Extremisten werden. Aber man wird die Anfälligkeit von jungen Menschen für extremistische Menschenfänger sicherlich auf ein niedriges Niveau, das in einer freiheitlichen Gesellschaft (wohl) unvermeidlich ist, senken. Außerdem läge die Verantwortung bei dem dann mündigen Bürger, wenn er sich für Extremismus entscheiden würde, und nicht bei der Gesellschafft, die ihm die Möglichkeit zum Mündigwerden gegeben hätte. Freilich beruhen diese Gedanken auf der idealtypischen Annahme, dass insbesondere die Schulen ihre Aufgaben optimal erledigen, was in der Praxis nicht immer der Fall ist.

Gelehrtenautorität also, die in Wirklichkeit Gelehrtengläubigkeit meint, ist wertlos. Von Wert sind vielmehr geistig mündige Individuen.

Im Koran heißt es mahnend: „Sie haben sich ihre Gelehrten an Gottes Statt zu Herren genommen. Dabei ist ihnen (doch) nichts anderes befohlen worden, als einem einzigen Gott zu dienen, außer dem es keinen Gott gibt. Gepriesen sei er! (Er ist erhaben) über das, was sie (ihm an anderen Göttern) beigesellen.“ Und: „Die übelsten Lebewesen sind nach Gottes Urteil die, die sich ihres Verstandes nicht bedienen.“ (9:31; 8:22)

verfasst von unserem Mitglied Waqar Tariq




Unser neuestes Projekt:

Extrem out - gemeinsam gegen Salafismus

5. September 2014

Am 02.09.2014 wurde mit einer Auftaktveranstaltung der offizielle Startschuss für das im Herbst 2014 in Dinslaken stattfindende Projekt „extrem out“ gegeben. Die islamische Religionspädagogin, Lamya Kaddor, und der Sozialarbeiter, Ali Kaya, stellten das Projekt „extrem out“ der interessierten Öffentlichkeit vor.

Der Stellvertretende Bürgermeister der Stadt Dinslaken, Eyyüp Yildiz, hob die Notwendigkeit eines nachhaltigen Projektes gegen Extremismus, speziell gegen die salafistische Szene in Dinslaken, hervor: „Wir unterstützen und freuen uns, dass man sich hier der salafistischen Herausforderung stellen will. Das Problem ist, dass sich einige wenige junge Menschen von der deutschen Gesellschaft entfremden. Sie suchen nach Identifikation auch außerhalb der Familie und dem Freundeskreis, die aber scheitert. Mithilfe des Projektes „extrem-out“ kann einer möglichen Entfremdung und Abdriften ins Extreme entgegen gegangen werden.“

Das Ziel des Projektes, so Lamya Kaddor, ist, den Salafismus als politische Ideologie kritischer zu betrachten und die Jugendlichen auf eine heterogene, moderne Gesellschaft vorzubereiten. Dabei liegt die besondere Herausforderung darin, sich als männliche Jugendliche mit zwei muslimischen Theologinnen im Gespräch über wichtige religiöse und gesellschaftsrelevante Themen auseinanderzusetzen.

Extrem out

Ein Medienbericht hierzu finden Sie hier.




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